Wird ein allgemeiner Zinsanstieg die finanzielle Situation der deutschen Lebensversicherer kurzfristig verbessern? Volkswirt und Wissenschaftlicher Beirat des Bundes der Versicherten, Prof. Dr. Hartmut Volz und Dr. Herbert Schneidemann, Präsident der Deutschen Aktuarvereinigung.

Der Wirtschaftswissenschaftler und wissenschaftliche Berater des Gesamtverbandes der Versicherer, Prof. Dr. Hartmut Volz und Dr. Herbert Schneidemann, Präsident der Deutschen Aktuarvereinigung.

Prof. Dr. Hartmut Walz (Wissenschaftlicher Beirat des Bundes der Versicherten): Contra
Tatsache ist, dass die aktuellen Zinsänderungen in der Eurozone kurzfristig keine positiven Auswirkungen auf die Versicherer haben. Es gibt aber auch keine negativen. Im Gegenteil, sie sind für die Versicherer größtenteils irrelevant.

Um diese Einschätzung zu verstehen, muss man zunächst erkennen, dass es sich bei der „schnellen Zinswende“ eher um eine zaghafte „Zinswende“ handelt, die zudem erst sehr spät eintreten wird. Natürlich werden höhere Zinsen dazu führen, dass die stillen Reserven verschwinden und die stille Last bei dem einen oder anderen Versicherer steigt. Im Gesamtzusammenhang sind diese Effekte jedoch nicht bedrohlich und werden teilweise durch den gegenteiligen Effekt höherer Erträge im Neuanlagengeschäft kompensiert.

Anhaltende Zinserhöhungen gelten als unwahrscheinlich
Die überwiegende Mehrheit der führenden Makroökonomen hält es für sehr unwahrscheinlich, dass die Zinsen für Euro-Staatsanleihen weiter deutlich steigen werden. Vor dem Hintergrund der extrem hohen Staatsverschuldung würde ein starker Zinsanstieg schnell zum Bankrott einiger EU-Mitgliedstaaten und damit zum Zusammenbruch der gemeinsamen Währung führen.

Aus rein nominaler Sicht ist die Welt der Versicherungsunternehmen bei einem nur moderaten Anstieg der Zinssätze am besten, zumal die positiven Auswirkungen höherer Wiederanlagegewinne mit dem Zeithorizont zunehmen. Gleichzeitig sinkt die implizite Belastung, wenn die Duration (durchschnittliche Kapitalbindungsdauer) des niedrigverzinslichen Anleiheportfolios im Portfolio des Unternehmens reduziert wird.

Leider ist die ökonomisch korrekte Sichtweise für Versicherungskunden eine ganz andere und sollte sich nicht an Nominalzinsen orientieren. Stattdessen muss sie auf realisierbaren Realzinsen basieren. Und weil die Verbraucherpreisinflation während der kleinen „Zinswende“ um ein Vielfaches höher war als der Zinsanstieg, erleiden die Versicherungssparer derzeit noch nie dagewesene Realzinsverluste. Der reale Wert der in kapitalbildende Versicherungsprodukte investierten Kundengelder ist innerhalb eines Jahres um etwa 5 % gesunken, da die Kaufkraft inzwischen um fast 8 % gefallen ist. Die Wertlosigkeit der nominalen Garantieverpflichtungen hat sich damit erneut gezeigt. Mit anderen Worten: Während die Versicherer in einer recht komfortablen Lage sind, sind ihre Kunden durch die reale Entwertung ihrer Ansprüche zunehmend bedroht. Allmählich, aber wieder einmal zu spät, wurde klar, wer für die monetäre Expansion und die mutige neue Geldpolitik (= moderne Geldtheorie) bezahlt.

Seit einigen Monaten erleben wir an den Finanzmärkten eine Entwicklung, die wir seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben: steigende Zinsen. Die Rendite 10-jähriger deutscher Anleihen klettert langsam auf 1 %, angetrieben durch den vorsichtigen Ausstieg der großen Zentralbanken aus ihrer ultralockeren Zinspolitik und den Eintritt in eine Ära des ultrabilligen Geldes. Der für die Versicherer wichtige 10-jährige Euro-Swap-Satz lag zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Zeilen zwischen 1,5 % und 2,0 %. Positiv zu vermerken ist, dass vor einem Jahr alles noch ganz anders aussah. Dies ist eine gute Nachricht für die Versicherer und letztlich auch für die Kunden.

Versicherungsmathematiker dürfen nicht alarmistisch sein
Vor diesem Hintergrund ärgern mich auch die Stimmen einiger Ökonomen und Wissenschaftler in den Hauptmedien, die sich auf die vermeintlich negativen Auswirkungen steigender Zinsen konzentrieren und aufzeigen, dass bereits jetzt ein erheblicher Abschreibungsbedarf bei den Versicherern besteht. Aus versicherungsmathematischer Sicht können wir diesem alarmistischen Gerede nicht zustimmen. Es ist richtig, dass 80 bis 85 Prozent der Kapitalanlagen der deutschen Versicherungsunternehmen nach wie vor aus festverzinslichen Wertpapieren bestehen. In Zeiten sinkender oder gar negativer Zinsen haben diese Anlagen große „stille Reserven“ geschaffen. Da die Zinssätze gestiegen sind, sind diese nun kleiner geworden und haben sich wahrscheinlich in den meisten Häusern zu „versteckten Verbindlichkeiten“ entwickelt.

Beide sind jedoch reine Momentaufnahmen und haben keine Auswirkungen auf den Versicherungsnehmer. Da die Versicherungsunternehmen diese Wertpapiere in der Regel bis zur Fälligkeit halten, bedeutet dies, dass sich die stillen Reserven oder stillen Lasten von selbst auflösen werden. Nach eigenen Angaben hat selbst die Federal Reserve inzwischen 330 Milliarden Dollar an versteckten Verbindlichkeiten und macht sich keine Sorgen. Dies unterscheidet das Geschäftsmodell der Versicherungsgesellschaften grundlegend von dem kurzfristigen Ansatz der Geschäftsbanken, die sicherlich pessimistisch gegenüber steigenden Zinsen sind.

Anders verhält es sich bei der Kapitalanlageabteilung von Versicherungsunternehmen. Neue Investitionen und Reinvestitionen können derzeit rentabler sein als in der Vergangenheit. Im Laufe der Zeit wird dies die Rentabilität der Anlageportfolios der Versicherungsunternehmen stärken. Darüber hinaus zeigen die Berechnungen der DAV, dass bei einer Stabilisierung der Zinsen auf dem aktuellen Niveau die seit 2011 zusätzlich zu bildenden Zinsrückstellungen Ende 2021 ihren Höchststand erreichen werden, wobei der Sektor im Durchschnitt bei knapp 100 Mrd. Euro liegt und in den kommenden Jahren sogar leicht zurückgeht. Wir glauben, dass die Versicherungsnehmer mittel- bis langfristig von beiden Entwicklungen in Form höherer Anlagerenditen profitieren werden. Das ist eine sehr gute Aussicht für mich.